Unruhe im Büro, sinkende Konzentration, zunehmende Erschöpfung oder das stille Ausweichen ins Homeoffice – viele dieser Phänomene treten besonders in wachsenden Unternehmen auf. Häufig werden sie als individuelle Befindlichkeiten oder als Folge hoher Arbeitslast interpretiert. Dabei bleibt ein zentraler Einflussfaktor oft unbeachtet: die Arbeitsumgebung selbst.
Aus arbeitspsychologischer Perspektive sind Räume keine neutrale Kulisse, sondern ein fester Bestandteil der Arbeitsbedingungen. Sie beeinflussen Belastung, Handlungsspielräume und Zusammenarbeit – täglich und dauerhaft. Bürogestaltung ist damit weniger eine ästhetische Frage als vielmehr eine arbeitspsychologische Gestaltungsaufgabe.
Arbeitsräume als Teil der Arbeitsbedingungen
In der Arbeitspsychologie gilt Arbeit als Zusammenspiel aus Aufgaben, Organisation, sozialen Faktoren und Umweltbedingungen. Physische Arbeitsumgebungen – also Räume, Licht, Akustik oder räumliche Struktur – sind dabei kein Zusatz, sondern integraler Bestandteil dieser Bedingungen.
Räume wirken kontinuierlich auf Wahrnehmung, Verhalten und Leistung. Sie beeinflussen, ob konzentriertes Arbeiten möglich ist, wie häufig Unterbrechungen auftreten und wie gut sich Mitarbeitende im Arbeitsalltag orientieren können. Damit sind sie dauerhaft wirksam – unabhängig davon, ob sie bewusst wahrgenommen werden oder nicht.
Für die Gestaltung von Büros bedeutet das: Wer Arbeitsräume verändert, greift direkt in arbeitspsychologisch relevante Faktoren ein.
Belastung und Beanspruchung: Warum Räume Stress erzeugen können
Ein zentrales Modell der Arbeitspsychologie ist das Belastungs-Beanspruchungs-Modell (DIN EN ISO 10075; Rohmert & Rutenfranz). Es unterscheidet zwischen:
- Belastung: objektive Arbeitsbedingungen (z. B. Lärm, Enge, visuelle Unruhe)
- Beanspruchung: individuelle Reaktionen darauf (z. B. Ermüdung, Stress, Konzentrationsverlust)
Räumliche Belastungen im Büroalltag
Offene Raumstrukturen, fehlende Rückzugsorte oder dauerhafte Geräuschkulissen stellen konstante Belastungen dar. Sie wirken unabhängig von Motivation oder Leistungsbereitschaft. Die Beanspruchung zeigt sich oft schleichend: sinkende Konzentrationsfähigkeit, erhöhte Fehleranfälligkeit oder mentale Erschöpfung.
Aus arbeitspsychologischer Sicht sind solche Effekte erwartbar – sie sind keine individuellen Schwächen, sondern logische Folgen ungünstiger Arbeitsbedingungen.

Handlungsspielraum als Schlüssel für gesundes Arbeiten
Das Job-Demand-Control-Modell nach Karasek beschreibt, dass hohe Anforderungen dann besonders belastend sind, wenn gleichzeitig wenig Handlungsspielraum besteht.
Handlungsspielraum ist auch räumlich definiert
Handlungsspielraum entsteht nicht nur durch Aufgaben oder Entscheidungskompetenzen, sondern auch durch räumliche Möglichkeiten. Dazu zählen etwa:
- die Wahl zwischen unterschiedlichen Arbeitszonen
- die Möglichkeit, sich bei Bedarf zurückzuziehen
- die Kontrolle über Licht, Geräuschpegel oder Nähe zu anderen Personen
Räume können Handlungsspielräume erweitern – oder sie massiv einschränken. Ein Büro, das nur eine einzige Nutzungsform zulässt, reduziert Autonomie im Arbeitsalltag und erhöht damit das Belastungsrisiko.

Unterbrechungen und Störungen im Arbeitsalltag – ein unterschätzter Belastungsfaktor
Empirische Forschung zu Unterbrechungen zeigt seit Jahren klare Effekte: Häufige Störungen erhöhen die Fehlerquote, verlängern Bearbeitungszeiten und steigern mentale Belastung (u. a. Baethge; Mark & Gonzalez).
Im Büro entstehen viele dieser Unterbrechungen nicht durch Aufgaben, sondern durch Raumgestaltung:
- visuelle Einsehbarkeit
- fehlende akustische Abschirmung
- unklare Zonierung von Kommunikation und Konzentration
Aus arbeitspsychologischer Sicht sind diese Effekte besonders relevant, da sie langfristig Leistungsfähigkeit und Motivation beeinträchtigen – auch dann, wenn Mitarbeitende sich subjektiv „daran gewöhnt“ haben.
Passung statt Standardlösung: Warum Büros nicht universell funktionieren
Ein weiterer zentraler Ansatz ist der Person–Environment-Fit. Er beschreibt, dass Leistung, Der Ansatz des Person–Environment-Fit beschreibt, dass Leistung, Zufriedenheit und Wohlbefinden steigen, wenn Arbeitsumgebung und Arbeitsweise zusammenpassen.
Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen, in denen Rollen, Teams und Prozesse sich schnell verändern, geraten Arbeitsräume dabei besonders unter Druck. Standardisierte Bürokonzepte können diese Dynamik kaum abbilden. Entscheidend ist nicht die „beste Lösung“, sondern die Passung zur tatsächlichen Nutzung.
Warum Analyse vor Gestaltung kommen sollte
Viele räumliche Probleme in Büros sind vorhersehbar. Sie entstehen, wenn Entscheidungen auf Annahmen, Einzelmeinungen oder Trends basieren – statt auf einer systematischen Betrachtung der realen Nutzung.
Eine arbeitspsychologisch fundierte Analyse fragt nicht:
- Wie soll das Büro aussehen?
Sondern:
- Wie wird hier tatsächlich gearbeitet?
- Wo entstehen Belastungen, Unterbrechungen oder Reibung?
- Welche Handlungsspielräume fehlen?
Erst auf dieser Grundlage lassen sich Maßnahmen ableiten, die nicht nur kurzfristig wirken, sondern langfristig tragfähig sind.
Arbeitsräume und GBU Psyche: Ein oft unterschätzter Zusammenhang
In der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GBU Psyche) werden Arbeitsbedingungen systematisch erfasst. Physische Arbeitsumgebungen spielen dabei eine relevante Rolle, werden in der Praxis jedoch häufig nur am Rand betrachtet.
Räume beeinflussen Belastung, Autonomie und soziale Interaktion – und sind damit ein Bestandteil psychischer Arbeitsbedingungen. Eine differenzierte Betrachtung von Arbeitsräumen kann daher einen wichtigen Beitrag zur Prävention psychischer Fehlbelastungen leisten.
Wissenwert: Was bedeutet GBU Psyche?
Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GBU Psyche) ist Teil der gesetzlichen Gefährdungsbeurteilung nach § 5 Arbeitsschutzgesetz. Seit 2013 sind Unternehmen verpflichtet, auch psychische Belastungen systematisch zu beurteilen – unabhängig von Unternehmensgröße oder Branche.
Dazu zählen unter anderem Arbeitsorganisation, soziale Faktoren und die physische Arbeitsumgebung.
Fazit: Gute Büros entstehen nicht durch Trends, sondern durch Verständnis von Arbeit
Bürogestaltung ist kein Selbstzweck. Aus arbeitspsychologischer Sicht geht es nicht um Stilfragen, sondern um die Frage, ob Arbeitsumgebungen die tägliche Arbeit unterstützen oder erschweren.
Arbeitsräume wirken als dauerhaftes Arbeitsmittel. Wer sie gestalten oder verändern möchte, sollte sie daher ebenso ernst nehmen wie Aufgaben, Prozesse oder Organisation. Eine analytische, nutzungsorientierte Herangehensweise schafft die Grundlage für Räume, die Konzentration, Zusammenarbeit und Motivation tatsächlich fördern.
studio FOS – Arbeitsräume aus arbeitspsychologischer Perspektive
studio FOS unterstützt kleine und mittlere Unternehmen dabei, Arbeitsräume als funktionales Arbeitsmittel zu gestalten. Grundlage ist eine strukturierte Analyse von Nutzung, Arbeitsweisen und psychologischen Anforderungen. Auf dieser Basis entstehen pragmatische, herstellerunabhängige Raumkonzepte, die sich an realem Arbeitsverhalten orientieren – nicht an Trends oder Annahmen.
Quellen
Karasek, R. A. (1979). Job demands, job decision latitude, and mental strain. Administrative Science Quarterly, 24(2), 285–308.
Kristof-Brown, A. L., Zimmerman, R. D., & Johnson, E. C. (2005). Consequences of individuals’ fit at work. Personnel Psychology, 58(2), 281–342.
Mark, G., Gonzalez, V. M., & Harris, J. (2005). No task left behind? CHI Proceedings.
Baethge, A. (2014). Störungen und Unterbrechungen bei der Wissensarbeit. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie.
Rohmert, W., & Rutenfranz, J. (1975). Arbeitswissenschaftliche Beurteilung der Belastung und Beanspruchung.
DIN EN ISO 10075 – Ergonomische Grundlagen psychischer Arbeitsbelastung.
Weitere Informationen zur GBU Psyche stellt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) bereit:
https://www.baua.de/DE/Themen/Arbeitsgestaltung-im-Betrieb/Gefaehrdungsbeurteilung/Psychische-Belastung/psychische-belastung_node.html